Als wir an diesem Tag in Gimsøya aufwachten, setzten wir uns die Aufgabe, heute am Nordkap zu schlafen. Eine etwa 1000km Fahrt stand uns bevor. Da wir in einem 42 Jahre alten Bus unterwegs waren schauten wir zuerst nach dem Auto. Wir prüften das Öl, kontrollierten das Kühlwasser und schmierten die Lager. Weil es an diesem Tag regnete, machte es nicht ganz so viel Spaß, aber das sind nun mal Arbeiten, die man auf so einem Roadtrip machen muss. Wir verließen die Lofoten an diesem Tag, aber blieben die meiste Zeit noch an der Küste mit ihren Inseln und Fjorden.

"Dieses regnerische Wetter passt einfach zu Norwegen" dachte ich mir als wir an ein paar Bergen vorbeifuhren, die in einen dichten Nebel gehüllt waren. Das Gestein schimmerte schwarz im Licht, der Duft der frischen Luft und die endlosen Straßen auf denen wir, nicht nur an diesem Tag, alleine unterwegs waren, machten dies zu einem perfekten Moment.

Als wir um 23.45Uhr am Nordkap ankamen hatten wir unser Ziel erreicht. Wir entschieden uns allerdings nicht mehr zur Statue und den Klippen zu gehen, weil es ziemlich neblig war und man vielleicht nur 20m sehen konnte. Wir gingen also schlafen, an dem nördlichsten Punkt Europas und weiter war nur noch der Nordpol. Am nächsten Tag standen wir entspannt um 10 Uhr auf und tranken Kaffee & Tee. Ich blickte aus dem Fenster und sah, dass schon ziemlich viele Touris da waren. Ich trank also meinen Tee aus und machte mich auf den Weg zu der Statue und den markanten Klippen.

"So viel sehe ich zwar heute auch nicht aber für ein paar Bilder wird es schon reichen", sagte Ich zu mir als ich aus dem warmen Bus in den frischen Nebel stieg. Als Ich dann, nach ein paar Minuten, oben ankam traf mich die Ernüchterung. Ein recht modernes Haus mit Restaurant, Souvenirshops und allem was das Touriherz begehrt. Nicht gerade meine Welt, aber bei einem so schönen Ort muss man sich nun mal damit abfinden. Ich ging also zur Statue und machte meine Bilder. Mehr als am Tag zuvor sah Ich an diesem Tag allerdings auch nicht. Ich entschied mich also eine andere Perspektive zu finden, um den Nebel zu nutzen und ich fand eine schöne Felsformation, die steil ins Meer abfiel.

Als ich nach einer halben Stunde wieder an unserem Bus war, fuhren wir nach Honnigsvåg zurück, um etwas zu essen. Wir kauften Brot bei einem der lokalen Bäcker und fragten wo man hingehen sollte, wenn man etwas Gutes zu essen haben möchte. Das HAVLY war die Antwort. Als wir dort ankamen sagte man uns allerdings, dass sie erst ab 17 Uhr auf machen würden und wir nur etwas zu trinken bekommen könnten. Wir entschieden uns bei einem Wasser zu überlegen, was wir machen würden, da es schon 16 Uhr war. Als wir gerade ausgetrunken hatten, kam die Kellnerin und sagte uns, dass der Koch eine Ausnahme machen würde und schon früher anfangen würde zu kochen. Diese norwegische Freundlichkeit zog sich durch unseren ganzen Trip. Wir haben auf der Reise keinen einzigen unfreundlichen Norweger getroffen. Wir bestellten also beide einen Heilbutt, der am Morgen erst gefangen wurde. Normalerweise bin ich kein Fischfan, aber dort war dieser Fisch so gut, dass ich meine Meinung schlagartig änderte. Wenn Ihr in Honnigsvåg seid, müsst ihr in dieses Restaurant!

Nachdem wir wieder voller Kraft waren, fuhren wir weiter Richtung Tana, das recht nahe an der Grenze zu Russland und Finnland liegt. Als wir dort ankamen, suchten wir einen geeigneten Platz zum Schlafen. Wir folgten einer kleine Seitenstraße bis wir auf einmal mitten im Nirgendwo standen. Wir entschieden uns dort stehen zu bleiben.

Später, als wir draußen bei einem Bier saßen, bemerkten wir, dass wir auf einem kleinen Flugplatz "gelandet" waren. "Auf einem Flugplatz mitten im Nichts habe Ich auch noch nicht geschlafen" dachte Ich mir. Wir liefen noch etwas an der Landebahn entlang bevor wir schlafen gingen. Mittlerweile hatten wir die 5000km Marke geknackt. Am nächsten Morgen fuhren wir nach Tana, um ein bisschen die Stadt anzuschauen. Wir waren in einem kleinen Silber-Shop wo ich mir ein echtes, handgemachtes Samisches Messer kaufte. An diesem Tag fuhren wir auch über die Grenze nach Finnland. Eine ewige Weite überwältigte uns. Finnland war im Gegensatz zu Norwegen sehr flach aber nicht weniger schön. Endlose gerade Straßen, Wälder so weit das Auge reicht und Seen, einer schöner als der andere. Diese Landschaft folgte uns bis wir in Kittilä ankamen, dem Ort an dem wir schliefen.

Wir wachten am nächsten Morgen mitten im Wald auf, die Sonne schien durch die Fenster und der frische Duft der Wälder stieg mir in die Nase. "Warum kann man nicht immer so aufwachen" schoss es mir durch den Kopf als ich durch das Fenster blickte. An diesem Tag hatten wir vor bis nach Oulu zu kommen. Wir entschieden uns allerdings nicht mehr der großen Autobahn zu folgen, sondern die kleinen, fast nicht befahrenen Straßen durch die Wälder zu nehmen. Es waren mehr Schotterwege als Straßen, aber unserem Bus machte das recht wenig aus. In Oulu angekommen waren wir so von der Landschaft begeistert, dass wir einfach weiterfuhren und noch mehr sehen mochten. Wir folgten der Sonne. Die Sonne war nur kurz unter gegangen, bevor sie wieder am Horizont erschien. Zu diesem Zeitpunkt waren wir an einem See in Rouvesi und sahen einen unglaublich schönen Sonnenaufgang. Die Wolken waren in ein kräftiges Rot getaucht und spiegelten sich im ruhigen See. Eine leichte Brise wehte die frische Luft zu uns. Dieser Moment war einzigartig.

Beflügelt und voller neuer Energie entschieden wir, noch bis Helsinki weiterzufahren. An diesem Tag fuhren wir etwa 1300km. Allerdings hatte das überhaupt nichts mit Stress oder der Gleichen zu tun. Durch so eine Landschaft zu fahren hat etwas Spirituelles und sehr Beruhigendes. In Helsinki angekommen schauten wir uns erst die wunderschöne Altstadt an und danach die alte Markthalle mit Produkten aus aller Welt, die direkt am Hafen liegt. Um 22:30 ging unsere Fähre rüber nach Estland. Bis es soweit war, putzten wir den Orion einmal richtig und schmierten die Achslager noch einmal. Nach ungefähr 2 Stunden Fahrt mit der Fähre standen wir um Mitternacht in Tallinn, Estland.

Uns zeigte sich Estland als "Land des Nebels". Nach ein paar Stunden ging hinter uns die Sonne auf und vor uns lag die Straße, die immer noch größtenteils im Nebel lag. Im Gauja Nationalpark angekommen fanden wir wieder einen wunderschönen Platz mitten im Wald fernab jeder größeren Straße. Am nächsten Morgen entschieden wir, nach einem Kaffee, dass wir bis Deutschland durchfahren. Allerdings waren es 1300km und wir mussten durch Lettland und Polen fahren. Es ist verrückt, wenn man 2 Wochen keine Dunkelheit gesehen hat und es dann auf einmal wieder anfängt richtig dunkel zu werden.

Da unser Ziel an diesem Tag Deutschland hieß, bedeutete das allerdings auch, dass unsere Reise zum Ende kam. Wir sahen die Mitternachtssonne, unglaubliche Panoramen, schwammen am nördlichsten Punkt Europas, fuhren über 9500km in nur zwei Wochen, sahen atemberaubende Sonnenaufgänge und hatten einen der besten Trips. Zwei Wochen voller neuer Eindrücke, zwei Wochen voller Leben und auch ein bisschen Abenteuer.